Die demographische Zeitbombe tickt schon lange unüberhörbar. Seit 1971 liegt die Sterberate in Deutschland permanent über der Geburtenrate, die zu den niedrigsten in Europa zählt. Gleichzeitig nimmt die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen zu. Vor allem die geburtenstarken Jahrgänge aus den 1950er und 1960er-Jahren haben zu wenig Nachkommen in die Welt gesetzt, so dass die Bevölkerung der Bundesrepublik voraussichtlich vom Jahr 2010 an schrumpfen wird.
Gleichzeitig werden die „Babyboomer“ in den kommenden Jahrzehnten die Alterspyramide wie eine Flutwelle nach oben durchlaufen. Heute ist jeder vierte Bundesbürger über 60. In 50 Jahren wird jeder dritte Deutsche älter als 60 Jahre sein. Für Professor Martin Lohmann, Geschäftsführer des Kieler Instituts für Tourismus und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT), ist der demographische Wandel jedoch „kein Grund zum Jammern, sondern für koordinierte Aktivität“. Unter dem Motto „Silver Age – die neue Chance im Tourismus“ haben sich im Congress Centrum Damp Experten mit den Auswirkungen des demographischen Wandels beschäftigt.
Nicht nur die Sozialversicherungen sondern auch Urlaubsgebiete wie Schleswig-Holstein werden sich auf den demographischen Wandel einstellen müssen. So wird der Anteil der Familien mit Kindern an den Urlaubern in den nächsten Jahrzehnten stark schrumpfen. Wachstumsbereiche werden nach Angaben von Werner Sülberg von der REWE Touristik bis etwa 2020 die 50 bis 65-jährigen von 2020 bis 2030 die 65-75jährigen und bis 2050 kontinuierlich die über 75-jährigen darstellen. Zurzeit sind die „Fifty Ups“ für Reiseveranstalter wie REWE die wichtigste Zielgruppe, da sie fast die Hälfte aller Veranstalterreisen buchen. Die Kaufkraft der über 50-jährigen sei in Zukunft jedoch stark abhängig von der Leistungsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme und werde daher vom Jahr 2010 deutlich abnehmen. Insgesamt schätzte der Experte die Wachstumsperspektiven für den deutschen Touristikmarkt „eher gering“ ein. „Generelles Marktwachstum wird unter diesen Bedingungen zukünftig primär durch Verdrängungswettbewerb und Marktbereinigungen erzielt“, sagte Sülberg.
„Senioren sind eine sehr reisefreudige Gruppe“, sagte Professorin Ursula Lehr. Nach Angaben der ehemaligen Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit unternehmen Senioren mehr als doppelt so viele Urlaubsreisen von mehr als 5 Tagen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Hinzu kommen viele Kurzreisen und Tagesausflüge. Senioren reisen gern im eigenen Land und geben dafür 7,5 Milliarden Euro jährlich aus. Besonders beliebt bei Älteren sind Studien-, Bildungs- und Kulturreisen. Aber auch Sport, Gesundheits- und Aktivurlaub werde von Senioren stark nachgefragt. „Es kommt auf ein vielseitiges, differenziertes Angebot an“, sagte Ursula Lehr: „Senioren sind alles andere als eine homogene Gruppe.“
Im Kontrast zu ihrer ökonomischen Bedeutung werden Ältere nach Ansicht der Professorin mit einem negativen Altersbild in der Gesellschaft konfrontiert. Dies sei ein Grund dafür, weshalb spezielle Angebote wie „Seniorenteller“ von Älteren abgelehnt werden. Außerdem wollten die meisten Senioren nicht betreut werden. „Reisen mit Service kommen bei den Senioren sicher besser an“, sagte Ursula Lehr. Angesichts einer steigenden Lebenserwartung der Gäste sollten sich auch Architekten von Hotels mehr mit den Bedürfnissen Älterer beschäftigen. So seien Sessel in Foyers häufig zu tief und ohne Armlehne ausgestattet, so dass manchem Älteren das Aufstehen schwer falle. Auch Toiletten und Betten seien häufig zu niedrig konstruiert. Die Beleuchtung zum Beispiel von Nachttischlampen sei oftmals zu schwach dimensioniert. Und um eine angemessene Lautstärke von Fernsehern zu erreichen, benötigten Senioren in vielen Fällen Kopfhörer.
Ein großes Problem stellen nach Ansicht der Altersforscherin auch die Mahlzeiten in Hotels bei Pauschalreisen dar. „Viele Ältere vertragen nach 19 Uhr keine mehrgängigen Abendmenüs.“ Frühstück sollte möglichst schon vor 8 Uhr morgens angeboten werden. Eine Alternative wären Wasserkocher, Tee und Kaffee auf dem Zimmer, damit sich Senioren frühmorgens selbst versorgen können.
Die klassische Großfamilie mit mehreren Generationen ist in Deutschland ein Auslaufmodell. Stattdessen setzt sich nach Angaben der Professorin immer mehr das Modell der „Bohnenstangenfamilie“ durch, in der Geschwister, Cousins und Schwager fehlen. Dadurch ergeben sich Reisekombinationen von Alleinerziehenden mit Kindern, Großeltern mit Enkeln oder auch von Eltern mit ihren zu pflegenden älteren Angehörigen. Da der Mensch auch im Urlaub Kontakte zu seiner eigenen Generation brauche, sollten Hotels besondere Angebote für diese Reisegruppe bieten.
Nach Angaben von Professor Edgar Kreilkamp von der Universität Lüneburg verfügen die heutigen „Silver Ager“ über viel Zeit, Erfahrung und zunehmend mehr Finanzkraft. Sie seien kritisch, qualitätsbewusst und verlangten ein gutes Preis- Leistungsverhältnis.
Das Lebensalter sollte bei Angeboten für Senioren keine Rolle spielen: „Je älter wir werden, desto größer wird die Diskrepanz zwischen dem kalendarischem und dem gefühltem Alter.“ Statt altersgerecht müssten das Erlebnis und die Leistung des Hotels kommuniziert werden. Kreilkamp: „Die Gäste müssen einfach ernst genommen werden.“
Frank Behrens, Geschäftsführer der Damp Touristik GmbH, hat viele Vorschläge des Kongresses in seiner Ferienanlage mit 2700 Gästebetten schon umgesetzt. Als der Ferienpark an der Ostsee im Jahr 1973 eröffnet wurde, bevölkerten vor allem Familien, Kegelclubs und Jugendgruppen die Bettenburgen von „Damp 2000“. Nach Investitionen in Höhe von bisher 80 Millionen Euro unter anderem in das Vital Centrum Damp stehen heute die Themen Gesundheit und Erholung auch für Ältere im Vordergrund. Pauschalangebote für Radfahren, Laufen und Nordic Walking runden das klassische Wellnessprogramm ab. Zwar ist der Anteil der Touristik GmbH mit 19 Millionen Euro am Gesamtumsatz der Damp Holding in Höhe von 250 Millionen Euro im vorigen Jahr noch ziemlich klein. Der Gesundheitstourismus gehöre aber zu den dynamischten Wirtschaftsbereichen.