Bisher wurde die Überalterung nur als teures Schreckgespenst für
den Sozialstaat gesehen. Doch in zehn Jahren gehen der Wirtschaft die Arbeitskräfte
aus. Spätestens dann werden die Älteren dringend wieder gebraucht,
so die Prognose für den schweizer Arbeitsmarkt. Die Neue Zürcher Zeitung
berichtet in ihrer Online-Ausgabe vom 9. Januar ausführlich über die
Konsequenzen für die Wirtschaft in der Schweiz.
«In absehbarer Zeit werden wir in diversen Bereichen zu wenig Fachkräfte
haben», erklärt Hans-Rudolf Schuppisser, Vizedirektor des schweizer
Arbeitgeberverbandes gegenüber der NZZ. Die Statistiker wissen, dass es
immer weniger 15- bis 64-Jährige gibt. Ab 2015 werde es an Arbeitskräften
fehlen. Bereits heute herrscht laut dem Branchenverband Swissmem ein Mangel
an technischen Fachkräften und Ingenieuren.
Im Alpenstaat wird es bald mehr Pensionierte als Jugendliche geben, prognostiziert
das Bundesamt für Statistik. Seit 1972 ist die Geburtenrate in der Schweiz
mit heute 1,4% tiefer, als sie für die Reproduktion der Bevölkerung
notwendig wäre. Gleichzeitig leben die Menschen immer länger. In einem
typischen OECD-Land hatten 1960 Männer eine Lebenserwartung von 68 Jahren.
50 Jahre davon waren sie erwerbstätig. Heute werden sie im Durchschnitt
knapp 80 Jahre alt und arbeiten nur etwa die Hälfte der Zeit.
Der Umstand, dass viele qualfizierte Arbeitnehmer vorzeitig in den Ruhestand
gehen verschärft die derzeitige Entwicklung. Der Alters-Soziologe François
Höpflinger hat auf Basis der Arbeitskräfte-Erhebung 2002 errechnet,
dass knapp die Hälfte der Erwerbstätigen mindestens ein Jahr vor dem
gesetzlichen Rentenalter in den Ruhestand gehen, fast ein Drittel drei Jahre
früher. Im OECD- Vergleich hat die Schweiz allerdings noch eine der höchsten
Erwerbsquoten der 50- bis 64-Jährigen.
Der wirtschaftliche Schaden wird sich vorraussichtlich in Form eines um 0,5
Prozentpunkte geringeres Wirtschaftswachstum bemerkbar machen. Demnach verschenkt
die Schweiz einen wichtigen Teil ihrer wirtschaftlichen Stärke. Solang
Unternehmen diese Gefahr nicht vollständig erkannt haben und dem entgegen
wirken, ist keine Trendwende in Sicht.
In Deutschland würden 50% bis 60% der Firmen keine Mitarbeiter über
50 Jahre mehr beschäftigen. Für die Schweiz fehlen vergleichbare Zahlen.
Arbeitspsychologe Eberhard Ulich schätzt, dass sie sich aber etwa im gleichen
Rahmen bewegen. «Die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern über
55 wird von zahlreichen Arbeitgebern noch immer unterschätzt», erklärt
Ulich. Dabei zeigen Umfragen, dass in der Gesellschaft Menschen immer später
als alt gelten, mehrheitlich erst nach 70. In der Unternehmenswelt hat dieses
Umdenken aber noch nicht stattgefunden.