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Generation 50 plus
Helmut Braun plädiert für mehr Gelassenheit im Umgang mit der alternden Gesellschaft. Die Älteren seien vitaler und kreativer denn je.
Schon seit längerem ist immer wieder von dem tiefgreifenden demographischen Wandel die Rede, der sich in unserer Gesellschaft vollzieht. Spätestens 2030, so sagen uns die Statistiken, wird ein Drittel aller Deutschen älter als 60 Jahre sein, die Bevölkerungspyramide wird immer mehr auf dem Kopf gestellt. Die Gründe sind oft genug beschrieben worden: eine seit den Jahren des Babybooms ständig zurückgehende Geburtenrate kombiniert mit einer ebenso stetig steigenden Lebenserwartung. Auch die Folgen sind bekannt, vor allem der angeblich drohende Kollaps unseres Sozial- und vor allem des Rentensystems. Schreckensszenarien machen die Runde, man spricht von einer "Vergreisung" der Gesellschaft, gar vom "Krieg der Generationen".
Dabei täte es uns allen gut, sich abseits der zweifellos notwendigen Reformdebatten nüchtern der Wirklichkeit zuzuwenden. Denn die Realität hat mit dem Krisengerede nur wenig zu tun. Hier bietet sich ein sehr viel differenzierteres Bild. Die Zunahme des Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere liegt in der Rolle, die Menschen über 50 in unserer Gesellschaft spielen. Und auch hier ist einiges in Bewegung geraten. Wer glaubt, die Generation "50plus" stünde auf dem Abstellgleis, könnte falscher kaum liegen. Ob in Politik, Wirtschaft oder Kunst: Menschen über 50 bestimmen überall nachhaltig mit. Auch wenn in der Werbung der Jugendwahn grassiert, auch wenn Arbeitnehmer über 50 systematisch aussortiert, ja ausgegrenzt werden - die Kluft zwischen Wirklichkeit und öffentlicher Wahrnehmung älterer Menschen wird immer größer. Weit entfernt davon, sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit auszuruhen oder gar den Jungen auf der Tasche zu liegen, ist diese Generation vitaler, gesünder, aktiver und vor allem selbstbewußter denn je. Die "Neuen Alten" surfen im Internet, gründen Unternehmen und engagieren sich ehrenamtlich.
Daß dies auch in wirtschaftlicher Hinsicht gilt, läßt sich mit konkreten Zahlen belegen. Einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung zufolge konnte die Altersgruppe ab 65 Jahren ihre Einkommensposition seit 1984 um etwa zehn Prozent verbessern, während sie bei Jüngeren seit Jahren stagniert. Die Nachkriegsgeneration, die von den Jahren des Wirtschaftswunders profitiert hat, kommt heute ins Rentenalter und löst damit die Kriegsgeneration ab. Und diese Generation hat nicht nur Geld, sie gibt es auch aus, wie die Verbraucher-Analyse 2004 zeigt: Gerade die Altersgruppe der 50- bis 64jährigen achtet mehr auf die Marke als auf den Preis, zahlt für Qualität auch gern etwas mehr, gibt immer mehr für Mode, Kosmetik und Luxusartikel aus, geht gut essen und öfters aus - ins Theater, Kino oder selbst ins Pop-Konzert. Schätzungen zufolge verfügt die Generation "50plus" über die Hälfte des in Deutschland verfügbaren Kaufkraftpotentials - etwa 90 Milliarden Euro! Ihre Kaufkraft ist damit etwa viermal so hoch wie die der Durchschnittshaushalte. Die oft geschmähten "Alten" sind zu einem zentralen Wirtschaftsfaktor in Deutschland geworden.
Leider hat sich dieser Wandel noch nicht überall herumgesprochen. So konzentrieren Werbung und Medien ihre Anstrengungen noch immer hauptsächlich auf die angeblich werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49jährigen. Das wird auch so bleiben, solange ältere Menschen in unserer Gesellschaft als Menschen im Ruhestand angesehen werden, als Menschen, deren Leben fast schon vorbei ist, die das Beste hinter sich haben. Dabei ist ein Sechzigjähriger noch lange nicht am Ende. Das läßt sich auch biologisch belegen: 70-Jährige sind heute körperlich wie geistig etwa fünf Jahre "jünger" als ihre Altersgenossen vor 20 Jahren. Bei guter Gesundheit liegen leicht noch 20, gar 30 aktive, erfüllte Jahre vor ihm. Experten unterscheiden zwischen dem dritten und dem vierten Lebensabschnitt - ersterer ab 60, letzterer ab 75. Gerade für die jüngeren "Alten" kommt es gar nicht in Frage, sich schon aufs Altenteil zurückzuziehen.
Hier ist ein Umdenkprozeß längst überfällig. Erste positive Zeichen gibt es, aber während es in den USA selbstverständlich ist, daß ältere Prominente wie Jack Nicholson von Werbetafeln lächeln, sind graue Haare in deutschen Werbespots noch immer die Ausnahme. Trotzdem: Langsam beginnt die Wirtschaft das Potential dieser Kaufkraft-"Riesen" zu entdecken. Einzelfälle zwar, aber sie weisen die Richtung. Wer die Binnennachfrage ankurbeln will, kommt an der Generation "50plus" nicht mehr vorbei. Ein Drittel der Neuwagenkäufer ist über 50, auf dem Markt für exklusive Fernreisen gibt diese Generation den Ton an.
Es ist eine neue, selbstbewußte Generation, der es gar nicht in den Sinn kommt, sich für ihr Älterwerden zu schämen. Warum auch? Ohne sie brächen nicht nur die Sozialsysteme zusammen, sondern auch die Wirtschaft. Was dieses Land braucht, ist nicht nur ein neuer Generationenvertrag, sondern in erster Linie eine Anerkennung des Beitrags älterer Menschen zum Funktionieren dieser Gesellschaft. Immer mehr Alte bedeutet eben nicht nur immer mehr Rentner, es bedeutet auch immer mehr aktive Menschen, die ihr Wissen, ihre Erfahrung und nicht zuletzt ihren Enthusiasmus einbringen können und vor allem auch wollen. Wir müssen begreifen, daß immer mehr Alte dieses Land nicht ärmer machen, sondern, im Gegenteil, viel reicher - an Erfahrung, Wissen, Engagement. Wer dieses Land voranbringen will, darf ein Gegeneinander der Generationen nicht zulassen.
Helmut Braun ist Vorstandsvorsitzender des KWA Kuratorium Wohnen im Alter und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Altenhilfe und Altenplanung in Deutschland.
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