Das Durchschnittsalter der Bundestagsabgeordneten liegt bei knapp 50 Jahren.
In der freien Wirtschaft würden unsere Volksvertreter damit praktisch schon
zum alten Eisen zählen. Mehr als die Hälfte der Betriebe in Deutschland
beschäftigt keine Arbeitnehmer jenseits der 50. Dieser unhaltbare Zustand
gehört zu den vielen Facetten einer paradoxen Entwicklung.
Auf der einen Seite steigert der medizinische Fortschritt die Lebenserwartung.
Auf der anderen Seite wird die wachsende Alterung als bedrohlich empfunden und
mit Tabus belegt. Dabei haben Wissenschaftler ermittelt, dass die Senioren von
heute hinsichtlich ihrer Gesundheit und Aktivität zehn Jahre jünger
sind als noch vor zwei Generationen. Das scheint sich bislang aber kaum herum
gesprochen zu haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass Unternehmen auf
die Kompetenz und Erfahrung der Senioren so leichtfertig verzichten? Genauso
wie die Chancen können auch die Risiken einer alternden Gesellschaft nicht
wegdiskutiert werden.
Der pflegerische und medizinische Bedarf nimmt insbesondere bei Hochbetagten
zu. Jenseits der 80 oder 90 sind Gesundheit und Selbstständigkeit ein rares
Gut. Weil es sich um langfristige Veränderungen handelt, neigen die Parteien
dazu, sich vor der Herausforderung zu drücken. Schon aus wahltaktischen
Gründen denkt es sich leichter in Vier-Jahres-Perioden. Je länger
aber das Nichtstun andauert, desto schlimmer dürfte das Erwachen im Wahlvolk
sein. Zu den dringendsten Aufgaben gehört eine Reform der Pflegeversicherung.
Ohne Beitragserhöhungen wird es nicht gehen. Aber das ist den Bürgern
schwerer zu vermitteln, als eine schöne Absichtserklärung zur alternden
Gesellschaft wie gestern im Bundestag.