Zukunftsängste, hohe Arbeitslosigkeit, Einkommensverluste und enttäuschte
Hoffnungen aus der Wendezeit prägen die wirtschaftliche Situation der 50-
bis 65-Jährigen in Ostdeutschland. Dies geht aus dem gestern in Berlin
vorgestellten "Sozialreport 50+ 2005" (>> ReifeMärkte
vom 09. Januar 2005) hervor.
Wegen fehlender Arbeit haben immer
mehr ältere Ostdeutsche Zukunftsangst. Nur noch 41 Prozent der heute 50-
bis unter 65-Jährigen hätten einen Job, fast eine Million Arbeitsplätze
fehlten für diese Gruppe, sagte der Präsident des größten
ostdeutschen Wohlfahrtsverbandes, Gunnar Winkler, am Montag in Berlin anlässlich
der Präsentation des «Sozialreport 50+ 2005». 71 Prozent der
1358 Befragten wollen die DDR nicht wiederhaben, seien aber auch nicht voll
in der Bundesrepublik angekommen.
Winkler wies Vorschläge zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit über
das 65. Lebensjahr hinaus zurück. Damit sollten nur Alterseinkommen begrenzt
werden. «Diese Forderungen sind erst dann real, wenn für jeden Älteren,
der es möchte, die Möglichkeiten zu arbeiten überhaupt vorhanden
sind.» Derzeit seien 31 Prozent der 50- bis unter 65-Jährigen im
Osten bereits in Rente oder Altersteilzeit. Mit den Regelungen des neuen Arbeitslosgeldes
II werde die vorzeitige Berentung weiter vorangetrieben. 27 Prozent der insgesamt
2,7 Millionen Bürger dieser Altersgruppe seien arbeitslos.
Nach Ansicht des Präsidenten der Volkssolidarität sei die Gruppe
die von den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt am stärksten betroffene.
Trotz hoher Qualifikationen habe die Mehrheit mindestens eine Weiterbildung
oder Umschulung absolviert. Ein Großteil der älteren Ostdeutschen
sei bereit, noch weitere «Verschlechterungen» ihrer Arbeitsverhältnisse
hinzunehmen, um ihren Arbeitsplatz zu erhalten oder einen Job zu bekommen. Die
so genannten 1-Euro-Jobs lehnte Winkler als «Einkommensdumping»
ab.
Laut der Studie lag das durchschnittliche Nettoeinkommen der Altersgruppe 2004
bei 996 Euro. 15 Prozent hatten weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens
zur Verfügung und leben in Armut. Rund ein weiteres Drittel sei von Armut
bedroht. Neben den «unzureichenden Erwerbsmöglichkeiten» werde
noch immer gleiche Leistung in Ost und West nicht gleich entlohnt, kritisierte
Winkler. Dennoch würden sich 79 Prozent mit Ostdeutschland identifizieren
und sich der schwierigen Situation in der Region stellen.
Nur 13 Prozent der Befragten sehen sich als «richtige» Bundesbürger,
hingegen wollen 14 Prozent die DDR wiederhaben. Diese Wünsche seien bei
den Einkommensschwachen stärker ausgeprägt. «Die Haltung der
Ostdeutschen ist keine nostalgische Rückerinnerung, sondern Reflexion unzureichender
Integrationsbedingungen für alle», sagte Winkler. Sie sei nicht von
einem Anspruchsdenken, sondern von Gerechtigkeitsempfinden geprägt. «Sie
wenden sich gegen eine "privilegierte Partnerschaft" im vereinigten
Deutschland, die Ungleichheiten rechtfertigt.»
Die Volkssolidarität hat als größter ostdeutscher Wohlfahrtsverband
rund 380 000 Mitglieder in den neuen Ländern und setzt sich vor allem für
die Interessen älterer Menschen ein. Dazu zählen Angebote für
Pflege, Betreuung und Freizeitgestaltung, aber auch Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.
Der Verband feiert 2005 sein 60-jähriges Bestehen. Der «Sozialreport
50+» wird seit 1990 alle zwei Jahre im Auftrag der Volkssolidarität
erstellt.
Weiterführende Materialien
- Eine 19-seitige Zusammenfassung des " Sozialreport 50+ 2005 - Daten
und Fakten zur sozialen Lage in den neuen Bundesländern" finden
Sie hier als PDF-Dokument
zum download.
- Die Erklärung des Präsidenten, Prof. Gunnar Winkler, auf der Pressekonferenz
finden Sie hier als PDF-Dokument zum
download.
- " Sozialreport 50+ 2005 - Daten und Fakten zur sozialen Lage in den
neuen Bundesländern"
- Erarbeitet im Auftrag der Volkssolidarität - Bundesverband e.V. durch
Dr. habil. Hanna Haupt und Dr. Reinhard Liebscher Sozialwissenschaftliches
Forschungszentrum Berlin-Brandenburg e.V.
263 Seiten, 64 Tabellen, 102 Abbildungen
Die Publikation ist zum Preis von 18,80 Euro erhältlich
über:
Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum Berlin-Brandenburg e.V. (SFZ)
Köpenicker Straße 125
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