BERLIN. Man hat die Bilder noch vor Augen. Es ist erst ein paar Jahre her, da ließen sich zahllose junge, ausgeflippte Menschen an ihren Computern in Internet-Firmen fotografieren. Schöne, bunte Welt. Die Firmenchefs damals waren zwischen 20 und 30 Jahre alt, ihre Mitarbeiter oft noch jünger. Arbeit, Leben und Party gingen scheinbar nahtlos ineinander über. Die Botschaft war klar: Das Internet ist die Zukunft. Und es ist das Medium der Jungen. Wer nicht dabei war, sorry, der hatte verloren.
Inzwischen ist der Traum vom großen Geld im Internet bekanntlich vielerorts längst geplatzt. Der Siegeszug des Webs dagegen ging weiter. Und was einst als selbstverständlich galt, stimmt nicht mehr. Zum Beispiel die Annahme, dass das Internet den Jungen gehöre.
Aktuelle Untersuchungen belegen, dass die Älteren gerade dabei sind, Schritt für Schritt das Netz zu erobern. Und - Siehe Info-Kasten links auf dieser Seite - es sollen noch mehr werden. Derzeit ist jeder Dritte der über 50-Jährigen in Deutschland online. Betrachtet man isoliert die Gruppe der 50- bis 59-Jährigen, so ist es bereits jeder Zweite. All dies geht aus dem (N)Onliner-Atlas 2004 des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid sowie der Initiative D 21 hervor.
Im Vergleich zum Vorjahr wuchs die Onliner-Gemeinde unter den Älteren zuletzt um rund 1 Million Menschen - auf nunmehr 8,2 Millionen an. Insgesamt haben hier zu Lande 33,9 Millionen Menschen Zugang zum Netz, das entspricht 52,6% der Bundesbürger über 14 Jahre. Im Vorjahr hatte der Anteil noch bei 50,1% gelegen.
Nach Angaben von Barbara Schwarze, die sich an der Fachhochschule Bielefeld intensiv mit dem Thema befasst, besteht bei älteren Menschen "ein Riesen-Interesse, in die Computer-Welt einzutauchen". Kurse für diese Zielgruppe seien sehr begehrt. Dazu komme, dass auch die Wirtschaft "ihre Ansprache verändert hat". Immer häufiger seien in der Werbung für Computer oder Internet-Dienste auch ältere Menschen zu sehen. Schwarze berichtet, dass Senioren zunehmend erkennen, wie stark das Internet ihr Leben vereinfachen kann. Besonders diejenigen, die bereits aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, können durch das Medium ihre Kontakte zu Freunden, Kollegen und Angehörigen auch über längere Distanzen aufrecht erhalten sowie Waren und Dienstleistungen einkaufen.
Zunehmend werden in dieser Altersgruppe Preise über das Netz verglichen, Reiseziele geprüft, Informationen über Gesundheitsfragen und Kulturveranstaltungen eingeholt oder Bankgeschäfte erledigt. "Man kann aktiv in der Gesellschaft bleiben, auch wenn man einmal nicht so gut beieinander ist", sagt Schwarze.
Die Welt der Bits und Bytes zu entdecken, davor schrecken allerdings unterm Strich noch immer zu viele Senioren zurück. Weil sich die Bundesregierung, so Peter Ruhenstroth-Bauer, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestern, aber zum Ziel gesetzt habe, bis 2005 rund 75% der Bevölkerung "ans Netz" zu bringen, sei die neue Initiative von D 21 "sehr zu begrüßen". (NRZ)